Rund drei Viertel der Frauen in den Wechseljahren kämpfen mit Hitzewallungen. Was lässt sich dagegen tun?
FREERKSEN-KIRSCHNER: Entspannungstechniken wie autogenes Training oder progressive Muskelentspannung können die Beschwerden lindern. Nicht zuletzt, weil sie Gelassenheit im Alltag fördern. Wechseljahres-Beschwerden können nämlich auch die Psyche belasten. Regelmäßiger Sport ist ebenfalls gut bei Hitzewallungen. Toller Nebeneffekt: Bewegung verhindert den altersbedingten Abbau von Muskelmasse und wirkt sich zudem positiv auf die Gemütslage aus.
Hilft auch die Ernährung?
FREERKSEN-KIRSCHNER: Es empfiehlt sich, scharfe Gewürze zu vermeiden, um den Stoffwechsel nicht zusätzlich anzufeuern. Auch eine sojareiche Kost mit Lebensmitteln wie Tofu und Sprossen kann die Symptome lindern. Asiatinnen, die sich ihr Leben lang sojareich ernähren, sind deshalb häufig von Hitzewallungen verschont. Bei mäßigen Symptomen können zudem pflanzliche Präparate mit Rotklee oder Johanniskraut Erleichterung bringen.
Was ist mit Getränken?
FREERKSEN-KIRSCHNER: Versuchen Sie, Alkohol und Koffein zu vermeiden. Stattdessen ist Salbei-Tee gut. Das Kraut hilft, den Schweißfluss zu reduzieren, weil es direkt auf die Schweißdrüsen wirkt. Aber: Was einer Frau guttut, muss nicht unbedingt bei allen funktionieren. Die Behandlung muss immer genau an die Beschwerden angepasst werden und individuell erfolgen.
Was raten Sie bei starken Symptomen?
FREERKSEN-KIRSCHNER: Wenn diese sowohl körperlich als auch seelisch sehr belastend sind, empfehle ich bioidentische Hormone. Es gibt sie als Tabletten zum Schlucken, aber auch als Spray, Pflaster oder Gel zum Auftragen auf die Haut. Im Gegensatz zu künstlichen Hormonen gleichen bioidentische den körpereigenen Botenstoffen und sind besser verträglich. Zudem gilt das Prinzip: So viele Hormone wie nötig nehmen, aber so kurz wie möglich.
Kommen auch Männer in die Wechseljahre?
FREERKSEN-KIRSCHNER: Ja, bei ihnen verändern sich die Hormone ebenfalls. So beginnt der Testosteronspiegel ab etwa 40 Jahren abzusinken. Allerdings passiert dies schleichend, deshalb bereitet es Männern weniger Probleme. Wenn es zu hormonell bedingten Symptomen wie Leistungsabfall und verringerter Libido kommt, ist der Urologe ein guter Ansprechpartner. Viele Ärzte dieser Fachrichtung bieten mittlerweile auch Männersprechstunden an, um genau solchen Themen mehr Raum zu geben.
Können Frauen vorbeugend etwas tun, um Symptome wie Hitzewallungen abzumildern?
FREERKSEN-KIRSCHNER: Leider nein. Es lässt sich nie vorhersagen, ob es überhaupt zu Beschwerden kommt und wenn ja, wie ausgeprägt sie sein werden. Auch die Genetik spielt keine Rolle. Sprich: Nur weil die Mutter keine Symptome hatte, muss das nicht auch für die Tochter gelten.
Haben Sie noch weitere Tipps gegen Hitzewallungen?
FREERKSEN-KIRSCHNER: Akupunktur kann ebenfalls gut helfen, um die Intensität der Beschwerden zu reduzieren. Auch locker sitzende, atmungsaktive Kleidung aus Baumwolle oder Leinen macht die Hitzeschübe erträglicher. Und wenn Sie schon damit rechnen, dass es zu Schweißausbrüchen kommt: Packen Sie für unterwegs Wechselkleidung ein. Das gibt zusätzliche Sicherheit. Zudem wird in den medizinischen Leitlinien die Verhaltenstherapie als mögliche Maßnahme genannt, um Beschwerden in den Wechseljahren zu lindern – also Gespräche mit einem Psychotherapeuten, allein oder in der Gruppe. Das kann dabei helfen, Stress und Angstzustände zu reduzieren, die oft zu Hitzewallungen und auch Schlafstörungen beitragen. Zudem kann die Therapie negative Denkmuster durchbrechen, die etwa Stimmungsschwankungen verstärken können.
Ihr wichtigster Rat an Frauen, die sich aktuell in den Wechseljahren befinden?
FREERKSEN-KIRSCHNER: Sorgen Sie in dieser Zeit gut für sich, denn das ist Basis für das eigene Wohlbefinden. Hilfreich ist auch, offen über die Wechseljahre und mögliche Beschwerden zu sprechen, statt das Thema als Tabu zu betrachten. Akzeptieren Sie die Zeit als das, was sie ist: eine natürliche Phase im Leben von Frauen.
Interview: Kerstin Pleyer
Dr. Nele Freerksen-Kirschner ist Mitglied im Vorstand der Deutschen Menopause Gesellschaft und Oberärztin der Klinik für Gynäkologie und Geburtsmedizin an der Uniklinik RWTH Aachen.
