... beginnt mit der Rente ein neues Leben. Frühstücken um neun, lange Spaziergänge und endlich genug Zeit für Hobbys und Familie. Klingt großartig? Unbedingt! Und mit ein bisschen Vorbereitung wird der Neustart sogar noch schöner.
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„So wie dem Opa soll es uns nicht gehen.“ Wenn Elisabeth und Franz Gramüller früher über ihren Ruhestand nachdachten, hatten sie stets ein mahnendes Bild vor Augen: Elisabeths Schwiegervater, der stumm und traurig im Wohnzimmersessel saß und immer weniger wurde. „Als er 1990 in Rente ging, fiel er in ein tiefes Loch“, erinnert sich Elisabeth. Dabei hatte er als Heizer bei den Stadtwerken keineswegs einen Traumjob – aber als die Arbeit erledigt war, wusste der sonst so zupackende Mann nichts mehr mit sich anzufangen.
Mit Beginn der Rente schlittern viele Menschen in eine emotionale Krise, auch wenn das Problem gesellschaftlich lange kaum ernst genommen wurde. „Der allgemeine Tenor war eher: Man darf sich doch nicht beschweren, wenn plötzlich jeden Tag Wochenende ist“, sagt Rechtsanwältin Susanne Nickel aus München, die Menschen in Übergangsphasen coacht. „Aber so einfach ist es nicht. Wenn der wohlverdiente Ruhestand endlich da ist, sieht er real oft gar nicht so rosig aus. Die Arbeit, die dem Leben Struktur, Sinn und ein Ziel gegeben hat, fehlt auf einmal. Die Rente ist ein großer Einschnitt in unserem Leben, da sind Anpassungsprobleme ganz normal.“
Sinnverlust im Ruhestand
„Empty-Desk-Syndrom“ nennt die Wissenschaft dieses Gefühl, das viele Neu-Rentnerinnen und -Rentner befällt. Während Eltern beim „Empty-Nest-Syndrom“ damit klarkommen müssen, dass ihre Kinder flügge werden und eigene Wege gehen, beschreibt das Empty-Desk-Syndrom die Gefühlslage, wenn der Schreibtisch auf einmal leer ist, das Telefon stumm bleibt und im Büro ein neuer, jüngerer Kollege sitzt. „Das muss man erst mal verarbeiten“, sagt Susanne Nickel. Vor allem Menschen, die sich stark über ihren Job definieren, sind davon betroffen. Im Job zählt Leistung. Wer nichts leistet, ist nichts wert.
Ohne Arbeit machen sich häufig Gefühle von Sinn- und Nutzlosigkeit, von innerer Leere breit. Die Folgen können Langeweile und Hilflosigkeit sein, aber auch Angstzustände und Depressionen.
„Bei Frauen sind diese Probleme weniger stark ausgeprägt, weil sie oft mehr soziale Kontakte haben und intensiver mit der Familie verbunden sind“, weiß die Expertin für Arbeit und Wandel. „Dennoch ist die Umstellung auf den neuen Lebensrhythmus auch für Frauen nicht einfach, gerade wenn der Partner leidet.“
Neue Pläne aktiv entwickeln
Elisabeth Gramüller musste ihren Laden für Raumausstattung in München schon vor Jahren aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. „Als die Rente von Franz anstand, waren wir uns nicht sicher, ob uns ein so radikaler Schnitt guttut“, erinnert sich die 65-Jährige und lacht. „Nicht falsch verstehen. Ich liebe meinen Mann. Wir gehen campen und Rad fahren und haben viel Spaß miteinander. Aber wenn im Winter das Wetter schlecht ist und wir den ganzen Tag in der Wohnung aufeinanderhocken, nervt das schon auch mal.“
Deshalb beschlossen die Gramüllers, es anders zu machen als der unglückliche Opa. Franz, gelernter Schlossermeister, bot seinem Chef an, zwei Tage pro Woche in der Firma für Sicherheitstechnik weiterzuarbeiten. „Grad so viel, wie ich mag, ohne dass es anstrengend wird.“ Der 67-Jährige schob außerdem das alte Motorrad aus dem Keller und überholte es. Seitdem verabredet er sich mit einem Freund zu regelmäßigen Ausfahrten. Elisabeth kümmert sich in dieser Zeit um die Enkelkinder und geht in aller Ruhe einkaufen.
Der wirklich große Schritt ins neue Leben als Rentner steht den beiden allerdings noch bevor: Das Ehepaar zieht gerade von der Münchener Innenstadt nach Wolfratshausen in ein genossenschaftlich organisiertes Mehrgenerationen-Projekt. „Wir freuen uns sehr“, sagt Elisabeth. „Nicht nur, weil wir uns räumlich verändern, sondern auch, weil wir unser Lebenskonzept komplett auf den Kopf stellen.“ Im neuen Haus werden die Gramüllers mit 24 ganz unterschiedlichen Mietparteien zusammenleben, Menschen jeden Alters – vom Baby bis zur 80-Jährigen. „Die Idee ist, dass jeder bestimmte Aufgaben für die Gemeinschaft übernimmt.“ Franz wird sich um technische Probleme kümmern und dafür die Arbeitszeit in seiner Firma reduzieren. Elisabeth möchte sich künftig als Haussprecherin starkmachen: „Ich will Treffen organisieren und versuchen, die Menschen zusammenzubringen. Das ist perfekt für uns – für jeden einzeln und für uns zusammen als Paar.“
Genau hinsehen, Bedürfnisse erkennen und klar formulieren, das ist für die Arbeitsexpertin Susanne Nickel die wichtigste Voraussetzung für einen sanften Übergang in die neue Lebensphase.
„Es ist gut, sich frühzeitig mit dem Thema Ruhestand auseinanderzusetzen.“ Wichtig ist vor allem, möglichen Problemen ins Auge zu sehen und sie aktiv anzugehen, findet die Beraterin. „Es gibt so viele Angebote und Möglichkeiten, die man dank Internet unkompliziert finden kann. Auch angepasste Arbeitsmodelle werden in Zeiten mangelnder Fachkräfte beliebter.“
Ehrenamtliches Engagement ist beliebt
Tatsächlich entscheiden sich immer mehr Menschen dafür, im Rentenalter weiterzuarbeiten. Laut Statistischem Bundesamt sind 17 Prozent der 65- bis 69-Jährigen berufstätig. Und 31 Prozent der über 65-Jährigen engagieren sich ehrenamtlich, zeigt die Befragung „Freiwilligensurvey“.
„Noch wichtiger als das zusätzliche Einkommen ist den meisten der Austausch und die Anerkennung der Kollegen“, weiß Susanne Nickel. „Weiterzuarbeiten ist für viele sinnvoll, um in der Übergangszeit neue Optionen auszuloten.“
Auch Elizabeta Kortes’ Arbeitgeber, Saarstahl in Völklingen, hätte sich gefreut, wenn sie ihrer Abteilung zumindest in Teilzeit erhalten geblieben wäre. „Ich habe mich bewusst dagegen entschieden“, sagt die 63-Jährige. „Jetzt möchte ich sehen, wie die Sonne auf- und wieder untergeht.“ In diesem Satz schwingt Trauer mit: Vor einem Jahr ist Elizabetas Mann gestorben. „Dabei hatten wir noch so viel vor, wollten reisen. Jetzt muss ich meine Pläne komplett umschreiben.“ Im Job war Elizabetas Organisationstalent gefragt. „Damals habe ich für andere geplant, jetzt tue ich es für mich.“ Jeden Morgen setzt sie sich an ihren Küchentisch, um den Tag zu strukturieren. Sport und Bewegung spielen eine wichtige Rolle in ihrem neuen Alltag. Um acht Uhr war sie heute für zwei Stunden im Fitnessstudio, danach hat sie sich zum Mittagessen mit einer Freundin verabredet und am Nachmittag machte sie eine Wanderung über den Gisinger, ein Rundweg im Saar-Hunsrück. Für die 13,5 Kilometer lange Strecke braucht sie gut zwei Stunden. „Meine Trainingsrunde“, schmunzelt Elizabeta. Demnächst will sie an einem Geländelauf teilnehmen, auch ein „Trail- Run“ auf die Zugspitze ist geplant.
Sinnvolle Aufgaben im Alltag
„Ich bin heute tatsächlich fitter denn je“, erzählt sie stolz, „weil ich glaube, dass der Blick auf den Körper wichtig ist für ein gesundes Altwerden.“ Auch wenn die Tage jetzt schon ziemlich gut gefüllt sind, ist Elizabeta weiter auf der Suche. „Ich liebe es sehr, auf mein Enkelkind aufzupassen, und bin immer da, wenn ich gebraucht werde. Trotzdem wäre darüber hinaus auch noch eine erfüllende Aufgabe für den Kopf schön.“
Als Schöffin bei Gericht hat sich die zierliche Frau schon wählen lassen – nun wartet sie auf ihren ersten Einsatz. Außerdem absolviert sie eine Ausbildung zur Seniorenbeauftragten und ist im Lions Club ihrer Stadt aktiv. Gerade erst hat sie sich entschieden, dort die Präsidentschaft zu übernehmen. „Ich weiß, dass dieses Ehrenamt sehr zeitintensiv ist, aber es reizt mich, weil ich so der Gesellschaft etwas zurückgeben kann.“
Die Sinnfrage stellen sich Menschen 60 plus heute immer häufiger, weiß Susanne Nickel. Das haben sie von der jüngeren Generation abgeschaut, für die Arbeit viel, aber nicht alles ist. „Während die heutigen Rentner im Berufsleben noch klaglos funktionierten, taten, was getan werden musste, sind sie im neuen Lebensabschnitt dazu nicht mehr bereit.“ Auch Reisen als ein wichtiges Lebensziel reicht vielen nicht mehr aus. „Vor allem wenn man weiß, dass die Lebenserwartung der heute 65-Jährigen bei 83 Jahren liegt und Frauen im Schnitt sogar 86 werden, sieht man, wie wichtig auch Langzeitprojekte sind.“
Aktivitäten im Ruhestand entdecken
Roland Gräßer ist im Moment in der Findungsphase. Bis November hat er 25 Stunden pro Woche in der Kanzlei gearbeitet, in der er früher in Vollzeit angestellt war. „Dort hatte ich gut zu tun und habe den Ruhestand auch ein Stück weit verdrängt, ich fühlte mich einfach noch zu jung, um aufzuhören.“ Als dann ein wichtiger Mandant wegbrach, gab es schließlich keine Arbeit mehr für den 67-jährigen Juristen. Kurzerhand nahm Roland Gräßer deshalb ein Jobangebot in einem Callcenter an. „Aber in so einer anonymen Tretmühle zu stecken, das ging gar nicht für mich. Quasi über Nacht war die große Frage deshalb da: Was will ICH denn eigentlich?“
Lange Zeit war Roland Gräßer als Vater sehr aktiv, seine Tochter hat er fast allein großgezogen. „Aber nachdem alle Joboptionen wegfielen, wurde mir plötzlich bewusst, dass ich den roten Faden in meinem Leben wiederfinden muss. Deshalb probiere ich jetzt viele neue Dinge aus.“ Aktuell hilft Gräßer seiner Nachbarin, die nach einem Schlaganfall eingeschränkt ist, und geht regelmäßig mit ihrem Hund spazieren. Er hat auch schon bei einem Blumenladen ausgeholfen und als Kurier Sträuße ausgefahren. „Menschen Freude zu bereiten, macht großen Spaß.“ Was jetzt als Nächstes kommt?
Um neue Anregungen zu finden, hat sich Roland Gräßer zu einem Gesprächskreis für Menschen im Ruhestand angemeldet. „Rund 20 bis 30 Interessierte kommen dafür jeden Monat in der Stadtbibliothek zusammen, denen es genauso geht wie mir.“ Auch wenn offene Gespräche mit wild- fremden Leuten für den ehemaligen Juristen eher ungewohnt sind, lernt er gerade, sie zu genießen: „Es ist wirklich spannend und ich mag die Energie.“
„Hauptsache, raus aus der Komfortzone!“, lobt die Arbeitsexpertin Susanne Nickel. Sie weiß: Eine Neuorientierung braucht Geduld. Sie kann durchaus Monate, vielleicht sogar Jahre dauern. „Und bestimmt ist auch nicht gleich jede Idee ein Volltreffer. Nehmen Sie es deshalb sportlich und lassen Sie sich Zeit. Davon haben Sie jetzt ja reichlich – schließlich ist Ihr Schreibtisch leer.“
Summary
Der Ruhestand kann emotional herausfordernd sein: Mit dem Job fehlen oft Struktur, Sinn und Anerkennung. Viele fühlen sich leer oder orientierungslos. Wer sich früh vorbereitet, neue Aufgaben findet und soziale Kontakte pflegt, kann diesen Übergang jedoch aktiv, erfüllt und lebensfroh gestalten.